Satanische Erinnerungen.

Mitte der 1990er-Jahre hatte ich so eine Art satanisches Erweckungserlebnis; wodurch das ausgelöst wurde, weiss ich heute aber nicht mehr. Jedenfalls war ich vorher introvertierter Jazzfan, verkaufte dann aber alle meine Jazzplatten, weil ich ein neues Musikgenre namens Death Metal entdeckt hatte. Das brachte mich auch dazu, meine Jeans abzuschneiden und mit dem Kugelschreiber Slogans wie “Godz Of Grind” draufzuschreiben. Die zugehörigen schwarzen T-Shirts mit den Totenköpfen und lustigen Bandlogos besitze ich noch heute, leider passen sie mir aber nicht mehr so richtig gut.

Ich erinnere mich noch an die entsetzten Gesichter meiner damaligen Freunde, als ich ihnen zum ersten Mal ein Video von Napalm Death vorspielte. Abgesehen vom schockierenden Lärm glaubte mir auch niemand, dass ein Schlagzeuger so schnell spielen konnte – ich wurde verdächtigt, heimlich am Videoplayer die Taste für den schnellen Vorlauf zu drücken.

Und dann waren da Deicide, eine Band aus Florida mit satanischer Botschaft, deren Musik eine ganze Generation von Death Metal-Hörern geprägt hat. Deren Leadsänger Glen Benton hatte sich ein umgekehrtes Kreuz in die Stirn gebrandet und liess in Interviews verlauten, dass er “nicht im Flugzeug zu diversen Konzerten anreisen könne, weil er da dem Himmel zu nahe sei.” Das fand ich immens unterhaltsam.

Höllenbuben: Deicide.

Neben dieser neuen wilden Musik und meinen ersten, im American Book Shop gekauften True Crime-Büchern begann ich mich nach langer Abstinenz auch wieder intensiv mit Comics zu beschäftigen. Das auslösende Element dafür war ein Heft, das mir ein Kumpel in die Hand drückte, und welches mich ohne Ende faszinierte: eine Ausgabe von Spawn Bloodfeud. Geschrieben war das von einem gewissen Alan Moore, der mir damals vollkommen unbekannt war und gezeichnet war es mit echtem Blut (so schien es mir jedenfalls) – auf den wenigen Seiten wurde dermassen viel Rot verwendet, das einem davon die Augen tränten.

Ohne dass es mir bewusst war, hatte es mit dem Auftauchen der Spawn-Hefte und der Produktionsfirma Image Comics in den 1990er-Jahren in der Comic-Szene einen abrupten Paradigmenwechsel gegeben, der meiner “Erweckung” nicht unähnlich war. Eine unzufriedene Gruppe von jungen Zeichnern und Autoren hatte sich aus finanzieller und kreativer Unzufriedenheit von Marvel gelöst und zusammen den Verlag Image Comics gegründet. Eigentlich war dieser Schritt aber auch eine Antwort der Amerikaner auf die damals vorherrschenden, “klugen” und selbstreferentiellen Bildergeschichten britischer Autoren, wie Grant Morrison in seinem wegweisenden Buch “Supergods” schreibt.

Todd McFarlane

Dieser Arschtritt in Richtung britischer Invasion war ein Befreiungsschlag mit unabsehbaren finanziellen Folgen; quasi über Nacht erlangte Image Comics Kultstatus mit Absätzen, von denen die Dinosaurier Marvel und DC nur träumen konnten. Todd McFarlane, Jim Lee, Marc Silvestri und Rob Liefeld ersannen kurzweilige, blutige Horrorstories, die in dieser brutalen Direktheit bis dahin nicht einmal nach der Befreiung von der Zensurklaue des Comics Code gedruckt worden waren und mutierten innerhalb kürzester Zeit zu gefeierten Superstars.

Diese Verehrung genossen sie allerdings hauptsächlich unter jungen Metal-Fans, die nach einer graphischen Umsetzung der Texte und Musik ihrer Metal-Bands gedürstet hatten. Anhänger klassischer Comics und ältere Semester wiesen (zu Recht) auf die Mängel in den Image Comics-Erzeugnissen hin: Der Zeichenstil war übertrieben und wenig ausgefeilt, McFarlane und vor allem Rob Liefeld zeichneten nicht mit anatomischer Korrektheit, sondern übertrieben bis zum Exzess. Männer hatten irrwitzig aufgeblähte Muskeln, Frauen bestanden hauptsächlich aus riesigen Brüsten, winzigen Taillen und langen Storchenbeinen. Feuchte Visionen, von der Bubenfantasie im Kinderzimmer direkt ins Comicheft übertragen sozusagen.

Die Stories waren wenig ausgefeilt und klischeebeladen. Mich hat es immer so fasziniert, dass die Macher solcher Horrorgeschichten mit all ihren höllischen Dämonen gleich wie die satanischen Death Metal-Bands eigentlich sehr gläubig im christlichen Sinne waren – denn man muss Gott als Konzept ja erstmals annehmen und ihm unendliche Macht zubilligen, um dann Heerscharen von Abgesandten aus der Hölle gegen ihn ankämpfen zu lassen.

Am stärksten zeigte sich das bei Spawn, einem Dämon wider Willen, der nach seinem Tod einen faustischen Pakt eingegangen war, um die Liebe seines früheren Lebens wiederzufinden, nur um im Endeffekt bemerken zu müssen, dass er betrogen wurde; es ist halt immer die selbe alte Geschichte, wenn man sich mit dem Leibhaftigen einlässt.

Spawn war aber auch eine modifizierte Version von Batman, welcher wohl das grosse Vorbild von McFarlane’s Visionen war. Man merkt dies an dem Cape, dem düsteren Auftreten, der Getriebenheit und der nie weichenden Verzweiflung/Resignation. Auch Spawn war ein unerbittlicher Rächer, im Gegensatz zu seinem Vorbild allerdings war er imstande, seine Gegner zu töten; auch das vermutlich ein Paradigmenwechsel in der Geschichte der Comics.

Der Niedergang von Image Comics kam schnell; die Macher waren im Endeffekt mehr an ihrem aufwendigen Lebensstil interessiert, als die von Fans erwarteten Abgabetermine einzuhalten. Ich stelle mir vor, dass die Image-Macher, statt zu zeichnen, mit Vorliebe die First-Person-Shooter von id Software spielten, einer Firma, die durch gewalttätige Games wie Castle Wolfenstein, Doom und später Quake zu grossem Reichtum gelangt war und deren blutjunge Designer wie John Romero einen aufwendigen, neureichen Lebensstil pflegten.

id Software in ihrer grossen Zeit. In der Mitte: John Romero

Nach dem ausbleibenden Erfolg und gerichtlichen Streitigkeiten lösten sich die in Image Comics eingebetteten Studios wie Top Cow und Wildstorm samt ihren Inhabern von ihrem Stammverlag; Todd McFarlane hielt durch und wurde durch die Gründung von McFarlane Toys zum Multimillionär. Und obwohl er “Spawn” zwischenzeitlich an andere Autoren abgegeben hatte, gibt es  die Comicserie immer noch, man mag es kaum glauben. Diesem Dämonen konnte keine Verjährung, kein Gerichtsverfahren, nicht einmal die grottenschlechte Hollywoodverfilmung etwas anhaben. McFarlane hat die Serie vor einiger Zeit wieder übernommen und im Jänner dieses Jahres die 200. Ausgabe herausgebracht. Die wurde von Kritikern verlacht und war nichtsdestotrotz über Nacht ausverkauft. Spawn ist halt so wie Jason Vorhees (siehe vorheriger Artikel) einfach kaum totzukriegen.

Noch immer da: Spawn in seiner 200. Ausgabe.

Doc Nachtstrom

***

Spawn – Die deutsche Fanseite.

History Of Death Metal auf musicradar.com.

…und die alten Satanspriester Deicide gibts auch noch immer.

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~ von doc nachtstrom - März 27, 2012.

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